Sonntag, 11. September 2016

CGM 447, FOL. 32 R F: VOM RECHTEN WEG ZUM HIMMEL

32 r:...layte und er soll auch vor allen dingen lernen sich yn den tugenden uben. und das er dye poßen gewonhayt außschlahe. und pflantz tugent wider an dy stete nu (?) gepurt es sich und ist not das man wisß was tugent sey. und das man wisß was man pflantzen soll so ist dy erst tugent dye forcht des heren wann das an begynn der weyßhait ist die forcht des herren dye ander tugent das ist der gut will. aber der will heysßet nit gut. eyn mensch mercke dann dar ynn: so vil er mag dye dritt tugent ist das sich der mensch selb beschayde und berichte dy vyerd ist die mutigkait dye funfft gedultigkayt dye sechst ist sweygen dye sibent ist armut. dye acht ist gehorsam dy neund nuchtrigkait (?) yn uber essen und trincken dy zehende keuschait uber (?) diße sind vyer höher tugent das ist weyßhait: strenglichkait. das ist von den sunden enthalten
32 v: rechtfertigkait. und hertigkait und es sey dann das du diße tugent yn deynem hertzen habst. got wonet anderß nymer yn dir. wan er ist genant eyn herr der tugent sich auch das du nit bedrogen werdest und gedenckest du habest dy tugent. und hast es nit: dann woltest du sagen du werdest dultig. wann dir nymant ubel tüt oder  verfolget. und sprechen du werdest dyemutig. wann dich nymant versmechet. und werdest arm. wann du kayn gepruch hast: so sprichst du unrecht: der wider will außweißt was der mensch ist: gedultig oder ungedultig: arm von gayst oder nit: wann du dich dann alßo yn tugenden ubest und dy gepot gottes heltest: so weyße das dich der veynd bekoret und besucht (versucht?): dye dy eyn gut leben an heben wellen: dye dy sünd lassen und dy welt flychen: das erst zaychen da du dye lyeb gottes...
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Man soll also keine Wege gehen, die einen verleiten, daß man in die Irre geht. Vor allem soll man sich in den Tugenden üben und die schlechten Gewohnheiten ablegen und Tugend an wieder da "anpflanzen", wo die schlechten waren . Dazu muß man aber zuerst einmal wissen, was Tugend sei, damit man weiß, was man "anpflanzen" soll. Es handelt sich nun um folgende Tugenden: 1) die Furcht vor dem Herrn, die ein Anfang der Weisheit ist, 2) der gute Wille; dieser ist nur gut zu nennen, wenn ein Mensch möglichst viele gute Werke in gutem Willen vollbringt, 3) Selbstbescheidenheit und Unterweisung (evtl. zur Berichtigung)(?), 4) hoher Mut, 5) Gedult, 6) Schweigen, 7) Armut, 8) Gehorsam, 9) Nüchternheit, 10) Keuschheit. Darüber gibt es vier höhere Tugend: 1) Weisheit, 2) Strenge in der Enthaltung von Sünden, 3) gerechtfertigt sein (?), 4) Härte (?). Diese Tugenden muß man in seinem Herzen tragen, sonst wohnt Gott nicht in einem. Denn er ist die Tugend. Sieh dich auch vor, daß du dich nicht selbst betrügst und meinst, du habest die Tugend, in Wirklichkeit hast du sie aber nicht. Du sagst, du seist gedultig, doch in Wahrheit tut dir keiner ein Übel an, du seist demütig, aber niemand verschmäht dich, du seist arm, aber du brauchst nichts. Doch das ist unrecht gesprochen. Der Widerwille zeigt, ob einer gedultig oder nicht ist, arm im Geiste oder nicht. Wenn du dich in den Tugenden übst und die Gebote Gottes einhältst, so wisse, daß dich der böse Feind versucht und heimsucht. Diejenigen, die ein gutes Leben haben bzw. anfangen wollen, die die Sünde lassen und die Welt fliehen, haben vier Zeichen: 1) das erste Zeichen, daß du die Liebe gottes hast...
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betorn, mhd. u.a. versuchen, in Versuchung führen; s. LEXER.
berichtunge=u.a. Unterweisung
berichten= "reht" machen,...unterweisen, belehren
muot=kraft des Denkens,...Gemüt...erhöhte Gesinnung (mein Borschlag: Hochherzigkeit)
rehtverticheit=Gerechtigkeit
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